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Shuttle oder Regalbediengerät – ein Interview mit Witron-Gründer Walter Winkler und Martin Stich

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„Unter dem Strich zählt nur die Systemleistung“

Lagerautomatisierung I Shuttle-Systeme sind „in“: Doch in der aktuellen Diskussion bleiben die Fragen nach deren Wirtschaftlichkeit oft auf der Strecke. Witron-Gründer Walter Winkler und Martin Stich, verantwortlich für die Logistikplanung, vergleichen die Vor- und Nachteile von Shuttles und Regalbediengeräten und erläutern, warum Witron bisher eine der beiden Automatisierungstechniken klar favorisiert.


LfU: Herr Winkler, Witron hat vor etwa fünf Jahren entschieden, nicht in Shuttle-Lösungen zu investieren. Was waren die Hauptgründe dafür?

Walter Winkler: Wir realisieren automatische Logistikanlagen, die eine große Artikelanzahl abwickeln und hohe Leistungen erbringen müssen. Wirtschaftlich ist das mit Shuttles ‧aufgrund ihrer geringen Systemleistung nicht so einfach machbar. Wir setzen für die Ein- und Auslagerung von Behältern lieber auf bewährte Regalbediengeräte mit hoher Verfügbarkeit und Leistung. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Unsere Kunden, vor allem im Handel, wissen sehr genau, dass es unter dem Strich immer auf die Systemleistung ankommt. Und dass wir auf die richtige Technik gesetzt haben, zeigt sich auch in der Tatsache, dass Witron in den vergangenen vier Jahren trotz Rezession in der Mitarbeiteranzahl um 60% gewachsen ist.

LfU: Und wo sehen Sie konkret die Nachteile der Shuttles?

Winkler: In unseren Anlagen entspricht die aufsummierte Leistung der eingesetzten Regalbediengeräte in aller Regel annähernd der Systemleistung als Ganzes. Dafür sorgen unter anderem auch ausgefeilte Software-Strategien und strukturierte Materialflusssysteme mit leistungsfähigen Elementen. Shuttle-Systeme dagegen verlieren im Vergleich zu den gassengebundenen Regalbediengeräten im Automatischen Kleinteilelager (AKL) sehr viel an Systemleistung. Die Ursache darin liegt in der wesentlich kleineren Zugriffsmöglichkeit pro Shuttle-Element auf Stellplätze oder Artikel und der damit verbundenen Notwendigkeit zu einer extrem komplexen Sequenzierung. Eine große Artikelanzahl in Kombination mit hoher Leistung ist mit Shuttles wegen der schlechteren Systemleistung nicht effizient machbar.

LfU: Wo sehen Sie die konkreten Vorzüge von Regalbediengeräten?

Winkler: Wie schon erwähnt, erreichen Regalbediengeräte eine Systemauslastung von über 93%. Mit unseren „PML“ (Picking Mini Load) z.B. sind 300 Ein- und 300 Auslagerungen in der Stunde pro Gerät problemlos möglich. Auch die doppelttiefe Lagerung, die mittlerweile Standard bei Witron geworden ist, bringt eine signifikante Erhöhung der Leistung. Man muss sich einmal vorstellen, dass man mindestens 14 Shuttles auf 14 Ebenen und zwei Lifte benötigt, um die Leistung eines einzelnen PML zu erreichen. Dies beruht auf der Tatsache, dass die klassischen Shuttles – auch Captive-Systeme genannt – ein sehr eingeschränktes, streng gassengebundenes Zugriffsverhalten besitzen; das heißt, dass einzelne Shuttles nur auf eine limitierte Anzahl von Artikeln zugreifen können. Daher und wegen der höheren Komplexität entstehen deutliche Leistungsverluste.

LfU: Um welche Leistungsverluste geht es dabei?

Winkler: Diese Leistungsverluste entstehen durch die systembedingte hohe Anzahl an Schnittstellen zwischen Lift, Shuttle und Fördertechnik sowie deren Synchronisation untereinander. Vergleicht man die Shuttle-Lösung als komplettes System, so erkennt man, dass in Summe wesentlich mehr Antriebe, Sensoren und Schnittstellen vorhanden sind. Bedingt durch die hohe Anzahl an Elementen, aber auch durch die vielen Übergabestellen der Behälter oder Trays, ist das Shuttle-Konzept meiner Meinung nach wesentlich komplexer – was zwangsläufig mehr Störungen zur Folge haben muss.

LfU: Es gibt ja neben den Ein-Ebenen-Shuttles auch Systeme, bei denen die Shuttles die Ebenen wechseln. Was halten Sie davon?

Winkler: Diese „Roaming-Systeme“, bei denen die Shuttles die Ebenen über Senkrechtförderer wechseln, um damit auf mehr Stellplätze und Artikel zugreifen zu können, stellen für mich auch keine Alternative dar. Hier ist von vornherein die Leistung durch den Ebenenwechsel stark reduziert. Dies widerspricht ja gerade dem Sinn von Shuttles als System mit hoher Leistung. Aus meiner Sicht kann man mit den Ein- und Mehr-Ebenen-Shuttles niemals das gesamte Spektrum der Marktanforderung abdecken. In diesem Zusammenhang ist für mich auch die aktuelle Tendenz interessant, dass bei Shuttle-Systemen mittlerweile Shuttles mit Zugriff auf bis zu sechs Lagerebenen angeboten werden. Da frage ich mich, wo da überhaupt noch der Unterschied zu Regalbediengeräten ist.

LfU: Treten Ihre Kunden mit der konkreten Nachfrage nach Shuttle-Lösungen an Sie heran?

Martin Stich: Unsere Kunden achten wie gesagt in erster Linie auf die Leistung des Gesamtsystems und auf eine moderne Logistikphilosophie. Mit welchen Komponenten das realisiert wird, ist für sie nicht entscheidend. Letztlich zählen für uns und unsere Kunden die wirklichen Nutzenfaktoren wie z.B. die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems, also Kosten pro Kolli, ein guter Filialservice oder Systemleistung und -verfügbarkeit. Wir sind bereits einige Male direkt gegen Shuttles angetreten – bisher haben wir jedoch noch keinen Auftrag verloren.

LfU: Wo sehen Sie dennoch Einsatzgebiete für Shuttles?

Winkler: Die sehe ich bei Kundenanforderungen mit einer geringen Anzahl von Artikeln, die mit mittlerer bis hoher Leistung ein- und ausgelagert werden sollen, und bei Systemen mit begrenzten Nutzlasten von 30 oder 50 kg. Shuttle-Lösungen sind auch stark auf den jeweiligen Anbieter zugeschnitten. Hat man gute Erfahrungen mit einem Systemlieferanten gemacht und sind die genannten Restriktionen kein Ausschlusskriterium, kann der Einsatz von Shuttles sinnvoll sein. Letztlich dreht es sich bei der Frage ‚Shuttle oder Regalbediengerät‘ aber auch nur um eine Komponente in einem logistischen Gesamtsystem – und da haben beide Lösungen irgendwo ihre Berechtigung. Bei der Entscheidung ist ein wirtschaftlicher Vergleich mit Shuttle-Fahrzeugen sicherlich hilfreich.

LfU: Als weiterer Vorteil der Shuttle-Systeme wird immer wieder ihre höhere Energieeffizienz herausgestellt. Können Sie dies bestätigen?

Stich: Nein. Denn ein seriöser Vergleich der Energiekosten kann wiederum nur auf Systemebene erfolgen und da sind die Regalbediengeräte nicht schlechter als die Shuttles. Und eventuelle Energieeinsparungen der einzelnen Shuttles spiegeln sich aus unserer Sicht nur minimal – wenn überhaupt – in den Gesamtkosten der Anlage wieder.

LfU: Wie sehen Sie die Zukunft von Shuttles und Regalfahrzeugen?

Winkler: Ich glaube, es wird derzeit viel zu viel Wirbel um die Shuttles gemacht. Wie die Regalbediengeräte sind sie nur ein Mittel zum Zweck, um Ladungsträger ein- und auszulagern. Entscheidend sind letztlich die Kommissioniersysteme und deren Leistung, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit.

Das Interview führte ‧Thomas Wöhrle, freier Journalist aus Karlsruhe.




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